11/28/2022
Markus Zwick

Pragmatische Lösungsansätze in schwierigen Zeiten

Familienunternehmen sind das Fundament der deutschen Wirtschaft. Mehr als neun von zehn Betrieben in der Bundesrepublik gehören diesem Unternehmenstypus an. Sie stellen mehr als jeden zweiten Arbeitsplatz und erwirtschaften etwa die Hälfte der gesamten Wertschöpfung hierzulande. Die Johannesbad Gruppe ist eines von mehr als drei Millionen Familienunternehmen in Deutschland.

Seit mehr als sechs Jahrzehnten ist die Unternehmensgruppe für Fach- und Rehakliniken an ihren Standorten regional fest verwurzelt. Sie bietet sichere Arbeitsplätze für die Menschen in den vielfach ländlich geprägten Regionen. Diese unternehmerische Verantwortung braucht aber einen politischen Rahmen, der dieses Engagement für die Gesellschaft möglich macht.

Neben der noch nicht überstandenen Corona-Krise kommen jetzt an Belastungen hinzu: eine Energiekrise mit unkontrollierbaren Preissteigerungen, eine überbordende Explosion der Lebensmittelpreise und auch sämtlicher Sachkosten der Unternehmen, eine stetig wachsende Inflation bei steigenden Zinsen, massive Lohnsteigerungen sowie Personalmangel inklusive dadurch steigender Lohnforderungen, um nur einige anzuführen.

Dies stellt eine dramatische, oft existenzbedrohende Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland dar. Beispielsweise rechnen wir bei der Energie mit einer Vervierfachung (!) der Kosten.

Die großen Fachverbände haben Anfang September die „Alarmstufe Rot“ in der medizinischen Reha und in den Krankenhäusern ausgerufen. Die gemeinsame Stimme und die vielen einzelnen Aktivitäten der Unternehmen im Gesundheitssektor haben mittlerweile – zum Glück! – zu einem Umschwenken der Politik geführt. Aktuell wurde durch den Bundesgesundheitsminister ein Rettungsschirm für medizinische Einrichtungen in Höhe von neun Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Die Details sind noch offen. Hier hoffe ich, dass die Bundesregierung den ausgelobten Bürokratieabbau umsetzt und die Hilfen unkompliziert beantragt werden können. Wir benötigen schnell verfügbare Unterstützung.

Als Geschäftsführer eines Familienunternehmens in der dritten Generation habe ich eine besondere Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiter:innen, Patient:innen und Gästen, für die Johannesbad Gruppe einen auch zukünftig tragfähigen wirtschaftlichen Rahmen zu gestalten. Der Dialog und das Finden gemeinsamer Lösungen sind für mich alternativlos. 

Deshalb haben wir gemeinsam mit vielen Verantwortungsträgern in der Johannesbad Gruppe in den vergangenen Wochen einige pragmatische Lösungsansätze erarbeitet. Diese können dazu beitragen, die Grundlagen für einen erfolgreichen Wirtschaftsstandort und damit den Beitrag vom deutschen Mittelstand zu sichern.

Zum Beispiel sollten Unternehmen, die Energiesparmaßnahmen umsetzen, dafür höhere steuerliche Abschreibungen erhalten sowie bei Investitionen in Effizienz- und Substitutionsmaßnahmen besser unterstützt werden. Geothermie muss in Deutschland massiv gefördert werden. Die vielen deutschen Thermen haben bestehende Bohrungen, mit denen sie diese wetterunabhängige Energiequelle problemlos anzapfen können.

Deswegen sollten alle Umlagen, die Deutschland bei Strom und Gas selbst festlegen kann, entweder gestrichen oder ausgesetzt, wenigstens aber auf ein Minimum reduziert werden. Gas- und Strompreis sollten langfristig entkoppelt werden (Abschaffung des Merit-Order-Verfahrens, wonach sich alle Strompreise am teuersten Anbieter orientieren). Der Grundbedarf sollte zu einem niedrigeren Preis festgesetzt werden, sodass es einen Ansporn zum Sparen gibt.

Zur Überbrückung könnten Finanzpakete der öffentlichen Förderbanken für den Mittelstand geschaffen werden. Diese Kredite wären dann für zehn Jahre tilgungsfrei. 

Wenn die Rückzahlung bestehender Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau für zehn Jahre tilgungsfrei ausgesetzt wird, verhindert das, dass mittelständische Unternehmen in Liquiditätsengpässe geraten.

Bestimmte Richtlinien, wie die Grundlage für die Vergabe von Krediten (Basel II und Basel III), könnten temporär ausgesetzt werden.

Für die Betriebe müssen außerdem die Steuern gesenkt oder ausgesetzt werden. (Die Steuerlast für Betriebe muss auf maximal 20 Prozent sinken, die Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf 15 Prozent reduziert werden.)

Um dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen schnell zu begegnen, sollte die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften vereinfacht werden, d. h. vor allem eine unbürokratische Erlangung der Arbeitserlaubnis und Anerkennung der Abschlüsse. Das betrifft auch bereits in Deutschland lebende Ausländer: Wenn z. B. die Abschlüsse von Flüchtlingen einfacher anerkannt würden bzw. praxisorientierte Nachqualifizierungen möglich wären, würde gleichzeitig auch das Sozialsystem entlastet.

Als Gesundheitsdienstleister sind wir von der aktuellen Corona-Situation besonders betroffen – sei es durch die extreme Belastung des Personals inkl. Quarantäne-anordnungen, einrichtungsbezogener Impfpflicht oder Minderbelegungen. Deshalb sollten die Corona-Hilfen durch ministerielle Verordnung und durch Gesetzesinitiative für medizinische Einrichtungen (ohne Einschränkung auf die epidemische Notlage) verlängert werden, um die Realität in den Kliniken abzubilden.

„Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“, hat die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach einmal gesagt. Damit mittelständische Familienunternehmen weiter ihre Verantwortung leben können, um Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft und somit die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft zu sichern, benötigen wir jetzt mutiges und entschiedenes Handeln der Politik. Dazu sind die Familienunternehmen offen für Gespräche und bereit, ihren Beitrag zu leisten.

Die familiengeführte Johannesbad Gruppe umfasst die Geschäftsbereiche Medizin, Zahnmedizin, Hotellerie sowie Fort-, Aus- & Weiterbildung. Dafür engagieren sich in 26 Einrichtungen rund 2.400 Mitarbeiter:innen, die einen Umsatz von ca. 150 Millionen Euro erwirtschaften. Ausgehend von der 1964 eröffneten Johannesbad Therme, gehört die Gruppe heute zu den Top Ten der Reha-Anbieter in Deutschland.